Herr Wunderbar

Heute ist der 15.01. Noch. Nicht mehr lang allerdings, da es in Kürze zur Geisterstunde läuten, somit der 15. zur Geschichte gehören und der 16. frohen Mutes der Jännersonne entgegen blinzeln wird… Vier Tage ohne einen geschriebenen Artikel und was passiert? Schreibkrisenparanoia!

Nicht, dass mir nichts einfallen würde, worüber zu schreiben interessant, nein, ganz im Gegenteil, zu vieles an Ideen purzelt herein. Und nachdem ich und das Entscheiden noch nie so wirklich die besten Freunde waren, dauert das Aussuchen…

Oder nein, stimmt nicht ganz in diesem Fall. Eigentlich ist die Entscheidung schon längst gefallen, nur gestaltet es sich alles andere als leicht, die Buchstaben zu diesem Thema fließen zu lassen… obwohl bereits seit Längerem versprochen, sie zu Papier zu bringen, diese Zeilen, war hier zuvor eine nicht unwesentlich große Hürde zu überwinden…

Die größten Ereignisse — das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

(1844 – 1900), deutscher Philosoph, Essayist, Lyriker und Schriftsteller

Mein Vater ist im Juli des vergangenen Jahres verstorben. Er wurde 71 Jahre alt und er war wunderbar…

Vor mittlerweile fast 6 Jahren wurde Alzheimer Demenz offiziell dafür verantwortlich gemacht, dass mein Vater Hotelzimmer verwechselte, das geparkte Auto nicht mehr fand, Leute sah, die nicht existent, er sich lachend mit dem Fernseher unterhielt und die passenden Worte zu finden, einer Rätselrallye glich.

Diese Wochen, Monate, Jahre waren eine Zeit voller verstehen-wollen, doch nicht können; akzeptieren-versuchen, doch wieder und wieder scheitern; Lachen suchen und stattdessen Tränen abonnieren. Meine Mutter war immer da, stets an der Seite meines in Warp-Geschwindigkeit alternden Vaters, sein schützender Schatten am Tag und nachts. Man versuchte zu unterstützen, zu organisieren und meinem Vater Gesellschaft zu sein. Alles in allem fast ein Nichts…

Das schrumpfende Grau im Kopf von Herrn Wunderbar brachte neben den motorischen Einbußen, einem immer stärker werdenden Schwindel und der Lewi-Body-Ehrenmitgliedsnadel jedoch noch etwas: Lachen, Singen und ein How-do-you-do-my-sunshine-dear? Das Herz meines Vaters war riesengroß und schien, bei allem anderen sonst, das vor sich hinschrumpfte, zu expandieren, zu fliegen und sich täglich neu zu verschenken.

Ich will nicht schön malen, die letzte Zeit war schwierig, körperlich, emotional, aber dennoch… von einer ungemeinen Ruhe geprägt. Nachdem schnell nicht ging, spazierte alles besonnen und machte auf das Wesentliche denken und vor allem fühlen. Fühlen, das war wohl meines Vaters Wort des letzten Jahres, denn wenn die Worte auch suchen machten, das Erfühlen des Moments funktionierte vollkommen wortlos. Bis zuletzt.

Die Geschichte meines Vaters, zusammen mit seinem Lebensleitspruch „um zu lernen, ist es nie zu spät“ haben mich dazu bewogen, umzuschulen. Vor beinahe drei Jahren war das. Ausbildungen – in alle nur möglichen Richtungen – hatte ich bereits einige im Gepäck, diesmal allerdings steckte die Motivation dahinter, meinen Vater mit dem angestrebten Mehr-Wissen vielleicht ein klein bisschen besser verstehen und dementsprechend besser unterstützen zu können. Ich wurde Pflegeassistent und bekam Einblick. In das System der Pflege, die großherzige Theorie und die hartherzige Realität. Oftmals. Und selbst wenn einmal nur, dann um dieses eine Mal zu viel… wie wir schmerzhaft erfahren sollten…

Der Zustand meines Vaters verschlechterte sich zusehens, die Stimmung ebenso und die Sorge noch um etliches mehr.

Tagespflege wurde versucht, in wirklich liebevoller Umgebung mit unwahrscheinlich motivierten Menschen und einem vollkommen blockierenden Herrn Wunderbar. Und so kam es zu wundern und zu grübeln aus vollem Herzen, wie man die Situationen beruhigen, entlasten und harmonisieren könnte.

Man wog sie ab, die Empfehlungen, nicht nur einmal, zweimal und vielmals mehr. Machte es sich bei weitem nicht leicht zu entscheiden und kam dann gemeinsam zu dem Entschluss, die Medikamente neu pokern zu lassen… Auf dass sie in ihrer neuen Zusammenstellung ein Full House an harmonisierender Wirkung bescheren sollten.

Am 20. Juni  wurde mein Vater an der Gerontopsychiatrie  stationär aufgenommen. Er ging selbständig – und mit freiem Willen, zum besser-Machen des Schwindels, so erzählte er. Er kam in Begleitung seiner guten Fee, meiner Mutter, und wurde willkommen geheißen – von einem äußerst freundlichen Empfangskomittee bestehend aus PflegerInnen samt ÄrztInnen. Formalitäten wurden erledigt, Zimmer gezeigt und der Ablauf des Tages erklärt. Natürlich, geprägt durch meine Ausbildung, inspizierte ich ganz genau. Check √ Eindruck Nr I: hier scheint er gut untergebracht, unser lieber Herr Wunderbar .

Uns wurde geraten, an den ersten beiden Tagen Zeit der Eingewöhnung  zu gewähren und nicht zu kommen – auf Besuch. Medikamente brauchen Zeit – zu wirken oder nicht mehr… Telefonische Nachfragen seien selbstverständlich jederzeit möglich, ward als Beisatz erwähnt. Wir bestätigten, gaben meine Mutter als medizinische Sachwalterin mittels Bescheid bekannt und mit Nachdruck zu verstehen, dass, im Fall des Falles, der Unruhe, Aufgebrachtheit oder sonstigem wunderlichen Verhalten jeglicher Art, wir umgehend und zu jeder Zeit zu verständigen sind! Diese Zeilen seien deshalb so stark betont, da wir vor einiger Zeit bereits schon einmal – an einem anderen Haus, in einer anderen Abteilung, unschöne, im wahrsten Sinne des Wortes sehr fesselnde Erfahrungen mit Pflegehandlungen und Nicht-Verständigung unsererseits machen mussten… Ist die Fee auf Feen-Auszeit, so liegt mein Handy auf Abruf bereit. So wurde es abgemacht. Check √ Schien verstanden.

Telefonat I, am selben Abend: alles bestens, machen Sie sich keine Sorgen…

Telefonat II, am Morgen des nächsten Tages: alles ok, ein wenig Unruhe macht sich breit aber alles ok, machen Sie sich keine Sorgen bitte…

Telefonat III: am Morgen des dritten Tages. Sehr umtriebig war Herr Wunderbar letzte Nacht, so wurde berichtet, aber jetzt nicht mehr, da er Beruhigung von außen bekam, eingetropft in Spritzenformat. Jetzt schläft er, ruhig ganz und entspannt. Lassen Sie ihn schlafen, machen Sie sich keine Sorgen und genießen sie Ihren Tag, bitte, alles ist in bester Ordnung…

Telefonat IV: Herr Wunderbar ist immer noch sehr schläfrig. Sehr. Aber wenn Sie wollen, unbedingt, dann geh ich gemeinsam mit Ihnen, hinein, zu ihm, nicht dass Sie erschrecken, weil er immer noch so schlaftrunken liegt…

Im Sitzwagen mit offenem Mund und unansprechbar. So saß er da, unser liebster Herr Wunderbar und seine Fee sank nieder. Welch sonderbare Schläfrigkeit…  Welch unendlich große Traurigkeit…

Nichts anders am nächsten Tag, außer dass noch mehr an verstörtem Besuch… plus einer Fliege auf der Nase, die nicht einmal wahrgenommen; Lippen, ganz vertrocknet, die stumm schreien und  Augen, die von unendlich schmerzender Angst erzählen.

Wie das sein kann? Alles ganz normal! Die Antwort hier. Trotz abermaligem Nachfragen und einfordernden Erklärungen… Wir sind alle anders, die Grunderkrankung, Sie müssen verstehen, Geduld, Geduld, das schläft sich aus und eines versprechen wir, Sie bekommen Ihren Herrn Wunderbar in einem besseren Zustand zurück nach Hause, auf jeden Fall, als der, in dem er zu uns gebracht wurde! Entschuldigung, er zu uns kam. Selbständig gehend. Sprechend. Lachend.

Mein Vater kam nicht mehr – zu sich. Er tagträumte fern ab von uns und unserer Welt noch weitere 3 Wochen in diesem Dämmerzustand vor sich hin… Der Harn wurde trüb, der Rücken wundgelegen, die Lunge gefüllt mit einem Erguss und die gute Fee von Tag zu Tag aufgrund unbeschreiblicher Traurigkeit schwächer und schwächer.

Wenn ich jetzt schreibe, ich hab es gespürt, schon am ersten Tag nach der beruhigenden Cocktailgabe als auf Besuch, dann soll das nicht neunmalklug klingen, sondern einzig beschreiben, was der trübe Glanz in meines Vaters Augen mir erzählte… und dabei mein Herz trauern machte.

Er wurde entlassen als Mann, immer noch wunderbar, stark und kämpfend mit einer auskurierten Lungenentzündung, die wahrscheinlich vom Liegen und Verschlucken entstanden – wie so oft als leider nicht vorhersehbare Komplikation des Krankheitsverlaufs oder Krankenhausaufenthalts?? –  und als Geist mehr, denn als Mensch…  der seinen letzten Tagen entgegen atmete.

…hin in sein letztes Zuhause…

Danke. Lieber Markus Moosbrugger samt Team für das liebevolle DA SEIN in den letzten Stunden… für uns alle…

Herr Wunderbar starb nach einem Krankenhausaufenthalt der nicht lebensrettend notwendig, nach einer lebensenergienehmenden Medikamentengabe (oder, so die Ärzteschaft, an den Komplikationen der Grunderkrankung) 34 Tage später… anstatt, so der behandelnde Arzt, halt ein bisschen später, langsam…

Vielleicht hat dieser Weg langes, qualvolles Leiden erspart. Richtig.

Ganz sicher aber hat er Momente der großen Freude an Herrn Wunderbars Lachen und seinem liebevollen Herzen genommen.


Die Umstände die zum Tod meines Vaters geführt haben, wurden von der Patientenanwaltschaft überprüft.

Innerhalb der Zeit der stationären Aufnahme war Herr Wunderbar, so wurde uns mitgeteilt, lediglich einer von mehreren, die selbständig kamen und liegend das Haus schlussendlich verließen.

Keiner hatte uns berichtet – wie am Aufnahmetag besprochen – von Komplikationen bzw. von Aggressivität im Moment des Bestehens. Wir, Herrn Wunderbars Familie, standen bereit, ihn wieder abzuholen – bei Tag und Nacht – hätten wir gewusst, dass ein Problem existent und er sich derart unwohl fühlt am fremden Ort… spätestens aber nach dem Wissen ob der Fixierung in seinem Bett in der 2. stationären Nacht.

Wir waren, abgesehen von den ersten drei Tagen, an welchen er laut Auskunft nur schlief und schlief und… da die Medikamente noch zu sehr wirkten, aber sonst alles total ok war, täglich an der Seite meines Vaters. Nachträgliche Formulierungen seitens der Ärzte-/Pflegerschaft bezüglich der weiterhin bestehenden Eigen- und Fremdgefährdung und der dadurch aufkommenden Rechtfertigung zu den durchgeführten Maßnahmen, sind falsch und nicht nachvollziehbar. Mein Vater lag in einer Art Wachkoma, unfähig auch nur seinen Arm zu heben und zu sprechen… Selbst einer tanzenden Fliege auf seiner Nase hätte er, im wahrsten Sinne des Wortes, kein Haar mehr krümmen können, weil rein körperlich dazu nicht mehr fähig.

Selbstverständlich wurden, wie erwartet, sämtliche von der Patientenanwaltschaft angeführten Punkte mit Dokumentationen und unvorhersehbaren Krankheitsverläufen entkräftet… selbst eine ganze Armee an besuchenden Angehörigen zählt hier nicht soviel wie eine Stimme in Weiß…

Rechtlich.

Persönlich aber, und dies ist der Grund für diese Zeilen, lassen wir uns nicht klein und stumm reden. Vielleicht können diese Worte denken machen und vor allem – groß im Handeln!

Nobodys is perfect

…doch zeugt es von wahrer Größe, zu seinen Fehlern zu stehen, anstatt sie zu verleugnen…

für meinen Papa, Herrn Wunderbar

für immer unvergessen

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Ein Gedanke zu “Herr Wunderbar

  1. Hallo Tatjana
    Wir kennen uns nicht – ich war ein Arbeitskollege von Mr. Wunderbar – und habe den Link zu deinem Blog von Helmut bekommen.

    Es ist traurig zu lesen, dass sich neben der unerbittliche Demenz, die letzten Wochen von Günther so tragisch entwickelt haben. Bei der Beerdigung deines Vaters waren meine Frau und ich nicht im Land, so dass wir nicht einmal gerüchteweise von den erschreckenden Umständen und dem medizinisch forcierten Ableben von Mr. Wunderbar erfahren haben.

    Mit Bestürzung stelle ich fest, dass sich die von dir beschriebenen Abläufe fast genau so in der Innern Medizin 1 in Hall zugetragen haben. Nur die handelnden Personen waren andere. Meine leicht demente aber noch voll autonom handelnde Schwiegermutter wurde während einer Hustenbehandlung durch Schlaf- und Beruhigungsmittel – statt Zuwendung – zur Todeskandidatin. Nach 4 Tagen, am Tiefpunkt, wusste sie nicht mehr wer sie war, wie ihre Tochter heißt, mehrere lebenswichtige Organe versagten und was man mit einem Stück Banane in Hand anfangen sollte war für sie ein einziges Mysterium. Und wir wurden von den Ärzten auf das Ableben vorbereitet.

    Ein Wechsel der Abteilung und der verantwortlichen Personen und ein paar private Betreuungsstunden haben ihr das Leben gerettet. Glück im Unglück – aber trotzdem mit negativer Bilanz. Die vermutlich nie mehr zurückkehrende körperliche Stärke und Selbstständigkeit und die gefühlt mindestens um 3 Jahre weiter fortgeschrittene Demenz werden durch den kurierten Husten bei weitem nicht aufgewogen.

    Ich werde deinen Artikel zum Anlass nehmen, meine Erfahrung mit dem Primar der Abteilung in Hall zu teilen. Vielleicht schärfen solche Berichte den Blick von innen auf das System das viel Gutes tut, bei dem aber auch vieles im Argen liegt. Und möglicherweise ist es leichter von innen zu verbessern, als einen Fehler nach außen einzugestehen.

    Mein nachträgliches Beileid für dich und deine Familie.
    Wie ich Günther kannte bin ich sicher, dass die positiven Erinnerungen und liebevollen gemeinsamen Erfahrungen der letzten 10, 20 und 30 Jahre mit Mr. Wunderbar den Schmerz und die Abscheu vor dem entmenschlichten und standardisierten Umgang mit Patienten in unseren „kranken Häusern“ bei weitem überwiegen.

    Christine und Walter

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